English: Car-free city center of Freiburg / Español: Centro urbano libre de coches de Friburgo / Português: Centro urbano sem carros de Friburgo / Français: Centre-ville sans voitures de Fribourg / Italiano: Centro storico senza auto di Friburgo

Die Autofreie Innenstadt Freiburg ist ein wegweisendes Konzept der urbanen Verkehrspolitik, das seit Jahrzehnten als Vorbild für nachhaltige Stadtentwicklung gilt. Durch die konsequente Umverteilung des öffentlichen Raums zugunsten von Fußgängerinnen und Fußgängern, Radfahrenden sowie dem öffentlichen Nahverkehr hat Freiburg gezeigt, wie Lebensqualität und ökologische Verantwortung in Einklang gebracht werden können. Das Modell basiert auf einer Kombination aus rechtlichen Beschränkungen, infrastrukturellen Anpassungen und partizipativen Planungsprozessen.

Allgemeine Beschreibung

Die Autofreie Innenstadt Freiburg bezeichnet ein städtebauliches und verkehrspolitisches Konzept, das seit den 1970er-Jahren schrittweise umgesetzt wird. Kern des Ansatzes ist die Reduzierung des motorisierten Individualverkehrs (MIV) in zentralen Bereichen der Stadt, um Emissionen zu senken, die Aufenthaltsqualität zu steigern und die Verkehrssicherheit zu erhöhen. Rechtlich basiert das Modell auf einer Reihe von Verkehrsverboten, die durch die Straßenverkehrsordnung (StVO) und kommunale Satzungen geregelt werden. Die Umsetzung erfolgte nicht als radikaler Schnitt, sondern als schrittweiser Prozess, der von Bürgerbeteiligung, Pilotprojekten und wissenschaftlichen Begleitstudien flankiert wurde.

Ein zentrales Element ist die Umwidmung von Verkehrsflächen: Ehemalige Fahrspuren wurden zu Fußgängerzonen, Radwegen oder begrünten Aufenthaltsbereichen umgestaltet. Parallel dazu wurde der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) durch den Ausbau der Straßenbahnlinien (betrieben von der VAG Freiburg) und die Einführung von Taktfahrplänen attraktiver gestaltet. Die Stadt setzte zudem auf eine enge Verzahnung von Verkehrs- und Siedlungsplanung, etwa durch die Ansiedlung von Wohn- und Gewerbegebieten entlang der ÖPNV-Achsen ("Stadt der kurzen Wege"). Ein weiterer Baustein ist die Parkraumbewirtschaftung: Durch gebührenpflichtige Parkhäuser am Stadtrand und eine Reduzierung der innerstädtischen Parkplätze wird der Autoverkehr indirekt gelenkt.

Die Autofreie Innenstadt Freiburg ist kein statisches Konzept, sondern unterliegt einer kontinuierlichen Weiterentwicklung. So wurden in den 2000er-Jahren zusätzliche Umweltzonen eingeführt, die nur für Fahrzeuge mit bestimmten Abgasstandards (gemäß EU-Normen) zugänglich sind. Seit 2020 gilt in Teilen der Innenstadt eine generelle Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h, um die Sicherheit für vulnerable Verkehrsteilnehmende zu erhöhen. Die Stadt nutzt zudem digitale Tools wie Echtzeit-Verkehrsdaten und dynamische Leitsysteme, um den verbleibenden Liefer- und Serviceverkehr effizient zu steuern. Wissenschaftliche Evaluierungen – etwa des Öko-Instituts Freiburg – zeigen, dass das Modell zu einer messbaren Reduktion von CO₂-Emissionen (um bis zu 25 % im Innenstadtbereich) und Feinstaubbelastung geführt hat.

Historische Entwicklung

Die Wurzeln der Autofreien Innenstadt Freiburg reichen bis in die späten 1960er-Jahre zurück, als studentische Initiativen und Bürgerproteste gegen die dominierende autogerechte Stadtplanung aufkamen. Ein Meilenstein war der Beschluss des Gemeinderats im Jahr 1973, die Kaiser-Joseph-Straße – eine zentrale Einkaufsmeile – schrittweise für den Autoverkehr zu sperren. Dieser Schritt wurde durch eine Machbarkeitsstudie des Instituts für Stadtbauwesen der Universität Karlsruhe (heute KIT) vorbereitet, die nachwies, dass der Einzelhandel trotz Verkehrsberuhigung nicht an Umsatz verlieren würde.

In den 1980er-Jahren folgte die Ausweisung weiterer Fußgängerbereiche, darunter der Münsterplatz und Teile der Gerberau. Entscheidend für die Akzeptanz war die parallele Stärkung des ÖPNV: 1983 wurde die erste Straßenbahnlinie der neuen Generation in Betrieb genommen, die seither kontinuierlich ausgebaut wird. Ein weiterer Wendepunkt war die Einführung der Umweltzone im Jahr 2010, die nur für Fahrzeuge mit grüner Plakette (EURO-4-Standard oder besser) zugänglich war. Seit 2018 gilt in Freiburg zudem ein Radverkehrsplan, der die autofreien Zonen mit einem Netz aus Protected Bike Lanes verbindet. Die Stadt wurde für diese Maßnahmen mehrfach ausgezeichnet, etwa mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis (2012) und dem European Green Capital Award (2020, Nominierungsphase).

Verkehrspolitische Instrumente

Die Autofreie Innenstadt Freiburg stützt sich auf ein Bündel von Maßnahmen, die rechtliche, infrastrukturelle und kommunikative Elemente kombinieren. Zu den wichtigsten Instrumenten gehören:

1. Rechtliche Regelungen: Die Stadt nutzt die Ermächtigungen der Straßenverkehrsordnung (StVO, § 45 Abs. 1) sowie kommunale Satzungen, um Verkehrsverbote für bestimmte Zonen auszusprechen. Beispielsweise gilt in der Fußgängerzone B (um den Münsterplatz) ein absolutes Fahrverbot für Kraftfahrzeuge, während in der Umweltzone nur Fahrzeuge mit bestimmten Schadstoffklassen (gemäß 35. BImSchV) zugelassen sind. Ausnahmen gelten für Lieferverkehr (mit Zeitfenstern), Rettungsdienste und Anwohnerinnen und Anwohner mit Sondergenehmigung.

2. Parkraumbewirtschaftung: Durch die Einführung von Parkgebühren (aktuell 2,50 €/h in der Innenstadt) und die Reduzierung der Stellplätze um über 40 % seit 1990 wird der Autoverkehr indirekt reduziert. Die Einnahmen fließen in den Ausbau des ÖPNV und Radverkehrs. Zudem wurden fünf Park-and-Ride-Anlagen am Stadtrand eingerichtet, die über Shuttle-Busse an die Innenstadt angebunden sind.

3. ÖPNV-Vorrang: Die Straßenbahnlinien (Betreiber: VAG Freiburg) verfügen über eigene Trassen und Vorrangschaltungen an Ampeln, was die Reisezeit verkürzt. Das Taktangebot wurde auf 7,5 Minuten in der Hauptverkehrszeit verdichtet. Ergänzt wird das Netz durch Elektrobusse und ein dichtes Fahrradleihsystem (Freiburger StadtRAD).

4. Digitale Steuerung: Seit 2019 setzt die Stadt auf ein Mobilitätsdaten-Portal, das Echtzeitinformationen zu Verkehrsaufkommen, Parkplatzbelegung und Luftqualität bereitstellt. Lieferverkehr wird über eine digitale Plattform koordiniert, um Leerfahrten zu minimieren.

Anwendungsbereiche

  • Stadtplanung und Architektur: Die autofreien Zonen haben die städtebauliche Entwicklung Freiburgs geprägt, etwa durch die Schaffung von Platzflächen wie dem Rathausplatz oder die Umnutzung ehemaliger Parkhäuser zu Wohn- und Kulturzentren (z. B. Alte Feuerwache). Architekten nutzen die reduzierte Lärm- und Abgasbelastung, um offene, begrünte Fassaden zu gestalten.
  • Einzelhandel und Gastronomie: Trotz anfänglicher Bedenken profitiert der Einzelhandel von der höheren Aufenthaltsqualität. Studien der IHK Südlicher Oberrhein zeigen, dass die Umsätze in den autofreien Bereichen um bis zu 15 % gestiegen sind, da Fußgängerinnen und Fußgänger häufiger spontane Käufe tätigen. Die Gastronomie nutzt die erweiterten Außenflächen für Cafés und Restaurants.
  • Tourismus: Die autofreie Innenstadt ist ein zentrales Marketingargument für den Fremdenverkehr. Geführte Stadtrundgänge (z. B. "Grüne Spuren") thematisieren die nachhaltige Mobilität als Alleinstellungsmerkmal. Laut Freiburg Wirtschaft Touristik und Messe GmbH geben 68 % der Touristinnen und Touristen an, dass die Verkehrspolitik ihr Freiburger Bild positiv prägt.
  • Logistik und Lieferverkehr: Für die Versorgung der Innenstadt wurden Mikro-Depots am Stadtrand eingerichtet, von denen aus Lastenräder und Elektro-Transporter die letzten Meter bedienen. Unternehmen wie DHL und Hermes testen in Freiburg autonome Lieferroboter im Rahmen von Pilotprojekten.
  • Soziale Inklusion: Die barrierefreie Gestaltung der autofreien Zonen (z. B. taktile Leitstreifen, breite Gehwege) kommt mobilitätseingeschränkten Personen zugute. Zudem senkt die Reduzierung des Autoverkehrs die Unfallzahlen: Die Polizeidirektion Freiburg verzeichnete seit 2010 einen Rückgang der Verkehrsunfälle mit Personenschaden um 30 %.

Bekannte Beispiele

  • Kaiser-Joseph-Straße: Die 1,2 Kilometer lange Einkaufsmeile ist seit 1973 schrittweise autofrei und gilt als "Herzstück" des Konzepts. Sie verbindet den Hauptbahnhof mit dem Münsterplatz und weist eine Fußgängerfrequenz von bis zu 12.000 Personen pro Stunde auf (Quelle: Stadt Freiburg, Verkehrsplanung 2022).
  • Vauban-Viertel: Dieses Stadtquartier am westlichen Stadtrand wurde ab den 1990er-Jahren als autofreies Modellprojekt entwickelt. Parkplätze sind hier nur in Tiefgaragen am Rand verfügbar, und 70 % der Haushalte leben ohne eigenes Auto. Das Viertel erhielt 2005 den Deutschen Solarpreis für seine nachhaltige Mobilitätskonzeption.
  • Münsterplatz: Der historische Platz vor dem Freiburger Münster ist seit 1984 vollständig autofrei und dient als Veranstaltungsort für Märkte (z. B. Wochenmarkt) und Kulturfestivals. Die Luftschadstoffmessstation des Landesamts für Umwelt Baden-Württemberg verzeichnet hier regelmäßig die niedrigsten NO₂-Werte der Innenstadt.
  • Green City Plan 2030: Das aktuelle Leitprojekt der Stadt sieht vor, bis 2030 weitere 20 % der Innenstadtfläche vom Autoverkehr zu befreien. Dazu gehören die Gerberau (ab 2025) und Teile der Eisenbahnstraße. Das Vorhaben wird vom Bundesministerium für Digitales und Verkehr im Rahmen des Förderprogramms "Saubere Luft" unterstützt.

Risiken und Herausforderungen

  • Akzeptanz in der Bevölkerung: Trotz der Erfolge gibt es weiterhin Widerstand, insbesondere von Anwohnerinnen und Anwohnern in Randbezirken, die längere Wege zum ÖPNV in Kauf nehmen müssen. Eine Umfrage der Badischen Zeitung (2021) zeigte, dass 22 % der Freiburgerinnen und Freiburger die autofreie Politik als "zu radikal" empfinden.
  • Wirtschaftliche Abhängigkeit vom ÖPNV: Die Effizienz des Systems hängt stark von der Zuverlässigkeit der Straßenbahn und Busse ab. Störungen (z. B. durch Baustellen oder Personalmangel) führen schnell zu Überlastungen. Im Winter 2022/23 kam es aufgrund von Fahrermangel zu Ausfällen, die die Diskussion um alternative Mobilitätslösungen neu entfachten.
  • Logistische Engpässe: Die Beschränkungen für den Lieferverkehr führen zu höheren Kosten für Einzelhändlerinnen und Einzelhändler, da kleine Liefermengen mit Lastenrädern oder Elektrofahrzeugen teurer sind als klassische LKW-Transporte. Der Handelsverband Baden-Württemberg warnt vor Wettbewerbsnachteilen für innerstädtische Läden.
  • Gentrifizierung: Kritikerinnen und Kritiker bemängeln, dass die Aufwertung der autofreien Zonen zu steigenden Mieten führt. Im Vauban-Viertel liegen die Quadratmetermieten mittlerweile 30 % über dem Freiburger Durchschnitt (Quelle: Mietspiegel 2023), was einkommensschwache Haushalte verdrängt.
  • Technologische Hürden: Die Umsetzung digitaler Steuerungssysteme (z. B. für Lieferverkehr) erfordert hohe Investitionen in IT-Infrastruktur. Zudem gibt es Datenschutzbedenken bei der Erfassung von Bewegungsdaten durch Sensoren in den autofreien Zonen.
  • Klimaanpassung: Die begrünten Flächen in der autofreien Innenstadt sind zwar ökologisch wertvoll, erfordern aber einen hohen Pflegeaufwand. Hitzeperioden (wie 2022 mit über 40 °C) führen zu Trockenstress bei Bäumen, was zusätzliche Bewässerungssysteme notwendig macht.

Ähnliche Begriffe

  • Verkehrsberuhigter Bereich (gemäß StVO § 42): Ein rechtlich definiertes Gebiet, in dem Fußgängerinnen und Fußgänger Vorrang haben und die Höchstgeschwindigkeit auf 7 km/h (Schrittgeschwindigkeit) begrenzt ist. Im Gegensatz zur autofreien Zone ist hier der Kraftfahrzeugverkehr nicht vollständig verboten, sondern nur eingeschränkt.
  • Superblock (Superilla, Barcelona-Modell): Ein städtebauliches Konzept aus Barcelona, bei dem mehrere Straßenblöcke zu einer großen, autofreien Fläche zusammengefasst werden. Der Durchgangsverkehr wird auf umliegende Hauptstraßen verlagert. Freiburg hat Elemente dieses Modells im Stühlinger-Viertel adaptiert.
  • Low-Traffic Neighbourhood (LTN, London): Ein Ansatz aus dem Vereinigten Königreich, bei dem Wohnviertel durch Poller oder Schranken für Durchgangsverkehr gesperrt werden, während Anwohnerinnen und Anwohner weiterhin Zugang haben. Ziel ist die Reduzierung von "Rattenlinien" (Schleichwegen).
  • Car-Free City (z. B. Venedig oder Zermatt): Städte, in denen der motorisierte Individualverkehr vollständig verboten ist. Im Gegensatz zu Freiburg handelt es sich hier jedoch meist um historische oder topografisch bedingte Sonderfälle (z. B. Insel- oder Berglagen).
  • Mobilitätswende: Ein übergeordneter Begriff für die Abkehr von fossilen Antrieben hin zu nachhaltigen Verkehrskonzepten. Die Autofreie Innenstadt Freiburg ist ein konkretes Beispiel für die lokale Umsetzung dieser Wende.

Zusammenfassung

Die Autofreie Innenstadt Freiburg ist ein international beachtetes Beispiel dafür, wie eine Stadt durch konsequente Verkehrspolitik Lebensqualität, ökologische Ziele und wirtschaftliche Interessen in Einklang bringen kann. Das Modell basiert auf einer Kombination aus rechtlichen Beschränkungen, dem Ausbau alternativer Mobilitätsformen und einer partizipativen Stadtentwicklung. Trotz Herausforderungen wie logistischen Engpässen oder sozialer Ungleichheit zeigt Freiburg, dass eine Reduzierung des Autoverkehrs nicht nur machbar, sondern auch wirtschaftlich und ökologisch sinnvoll ist. Die kontinuierliche Weiterentwicklung – etwa durch digitale Steuerungssysteme oder die Erweiterung der autofreien Zonen – unterstreicht den dynamischen Charakter des Konzepts. Als Vorreiter der Mobilitätswende dient Freiburg anderen Städten wie Barcelona, Kopenhagen oder Wien als Vorbild, wobei die Übertragbarkeit stets an lokale Gegebenheiten angepasst werden muss.

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