English: Driver shortage / Español: Escasez de conductores / Português: Falta de motoristas / Français: Pénurie de chauffeurs / Italiano: Carenza di autisti

Der Fahrermangel bezeichnet einen strukturellen Engpass an qualifizierten Berufskraftfahrerinnen und Berufskraftfahrern, der die Transport- und Logistikbranche in vielen Industrieländern vor erhebliche Herausforderungen stellt. Dieses Phänomen resultiert aus demografischen, wirtschaftlichen und regulatorischen Faktoren und wirkt sich direkt auf die Lieferketten, die Mobilität von Gütern sowie die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen aus. Besonders betroffen sind der Straßengüterverkehr, der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) und spezialisierte Transportsegmente wie der Gefahrguttransport.

Allgemeine Beschreibung

Der Fahrermangel ist ein multikausales Problem, das sich aus dem Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt für Berufskraftfahrerinnen und Berufskraftfahrer ergibt. Während die Nachfrage nach Transportleistungen durch den wachsenden E-Commerce, globale Lieferketten und Just-in-Time-Produktionssysteme stetig steigt, sinkt gleichzeitig das verfügbare Arbeitskräftepotenzial. Dies liegt unter anderem an der alternden Belegschaft in der Branche, da ein Großteil der Berufskraftfahrerinnen und Berufskraftfahrer kurz vor dem Renteneintritt steht und zu wenige junge Menschen den Beruf ergreifen.

Ein weiterer zentraler Faktor ist das Image des Berufs, das häufig mit unattraktiven Arbeitsbedingungen assoziiert wird. Dazu zählen lange Abwesenheitszeiten von zu Hause, unregelmäßige Arbeitszeiten, körperliche Belastungen sowie ein hohes Maß an Verantwortung, insbesondere im Gefahrgut- oder Schwerlasttransport. Zudem sind die Einstiegshürden relativ hoch: Die Ausbildung zum Berufskraftfahrer oder zur Berufskraftfahrerin erfordert nicht nur eine mehrmonatige Qualifizierung, sondern auch den Erwerb spezifischer Führerscheinklassen (z. B. C/CE für Lkw) und Zusatzqualifikationen wie die beschleunigte Grundqualifikation nach dem Berufskraftfahrer-Qualifikations-Gesetz (BKrFQG). Diese regulatorischen Anforderungen erhöhen die Kosten und den Zeitaufwand für Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber, was die Rekrutierung zusätzlich erschwert.

Die wirtschaftlichen Folgen des Fahrermangels sind gravierend. Unternehmen sehen sich gezwungen, höhere Löhne zu zahlen, um Fahrerinnen und Fahrer zu halten oder neue zu gewinnen, was die Transportkosten erhöht. Gleichzeitig führen Engpässe zu Verzögerungen in der Lieferkette, was insbesondere in Branchen mit zeitkritischen Gütern wie der Lebensmittelindustrie oder der Automobilproduktion zu Produktionsausfällen führen kann. In extremen Fällen müssen Unternehmen Aufträge ablehnen oder ihre Dienstleistungen einschränken, was langfristig die Wettbewerbsfähigkeit gefährdet.

Historische Entwicklung und aktuelle Trends

Der Fahrermangel ist kein neues Phänomen, hat sich jedoch in den letzten zwei Jahrzehnten deutlich verschärft. Bereits in den 1990er-Jahren warnten Branchenverbände wie der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) vor einem drohenden Engpass, der durch die Öffnung der osteuropäischen Arbeitsmärkte zunächst abgemildert wurde. Durch die EU-Osterweiterung konnten viele deutsche Transportunternehmen auf Fahrerinnen und Fahrer aus Ländern wie Polen, Rumänien oder Bulgarien zurückgreifen, die zu niedrigeren Löhnen arbeiteten. Diese Praxis führte jedoch zu sozialen Spannungen und wurde durch die Einführung des Mindestlohns in Deutschland (2015) sowie die EU-Entsenderichtlinie (2020) eingeschränkt.

Aktuell verschärft sich die Situation durch mehrere parallele Entwicklungen. Die COVID-19-Pandemie hat gezeigt, wie fragil globale Lieferketten sind, und gleichzeitig die Bedeutung des Straßengüterverkehrs als Rückgrat der Wirtschaft verdeutlicht. Gleichzeitig hat die Pandemie viele Berufskraftfahrerinnen und Berufskraftfahrer aus Osteuropa dazu veranlasst, in ihre Heimatländer zurückzukehren, was den Mangel weiter verschärfte. Ein weiterer Trend ist die zunehmende Digitalisierung der Branche, die zwar Effizienzgewinne verspricht, aber auch neue Anforderungen an die Qualifikation der Fahrerinnen und Fahrer stellt. So werden beispielsweise Kenntnisse im Umgang mit Telematiksystemen, digitalen Frachtbörsen oder autonomen Assistenzsystemen immer wichtiger.

Laut einer Studie des Internationalen Straßentransportverbands (IRU) aus dem Jahr 2023 fehlen in der Europäischen Union rund 600.000 Berufskraftfahrerinnen und Berufskraftfahrer, wobei Deutschland mit einem Defizit von etwa 80.000 Fahrerinnen und Fahrern besonders stark betroffen ist. Prognosen gehen davon aus, dass sich dieser Trend in den kommenden Jahren fortsetzen wird, sofern keine grundlegenden Reformen in der Ausbildung, den Arbeitsbedingungen und der gesellschaftlichen Wahrnehmung des Berufs erfolgen.

Normen und Standards

Die Qualifizierung von Berufskraftfahrerinnen und Berufskraftfahrern unterliegt in Deutschland und der Europäischen Union strengen regulatorischen Vorgaben. Die zentrale Rechtsgrundlage bildet die EU-Richtlinie 2003/59/EG, die durch das Berufskraftfahrer-Qualifikations-Gesetz (BKrFQG) in nationales Recht umgesetzt wurde. Dieses Gesetz sieht vor, dass alle Fahrerinnen und Fahrer, die gewerblich Güter oder Personen transportieren, eine Grundqualifikation sowie regelmäßige Weiterbildungen absolvieren müssen. Die beschleunigte Grundqualifikation umfasst 140 Stunden Theorie und Praxis und schließt mit einer Prüfung ab. Zudem müssen Berufskraftfahrerinnen und Berufskraftfahrer alle fünf Jahre eine 35-stündige Weiterbildung nachweisen, die Themen wie Ladungssicherung, Eco-Driving oder Arbeitsschutz abdeckt.

Für den Erwerb der erforderlichen Führerscheinklassen (C1, C1E, C, CE) gelten die Vorgaben der Fahrerlaubnis-Verordnung (FeV). Diese legt unter anderem fest, dass Bewerberinnen und Bewerber ein Mindestalter von 18 Jahren (für C1/C1E) bzw. 21 Jahren (für C/CE) haben müssen und eine ärztliche sowie augenärztliche Untersuchung bestehen müssen. Für den Gefahrguttransport ist zusätzlich eine Schulung nach dem Gefahrgutbeförderungsgesetz (GGBefG) und der ADR-Vereinbarung (Europäisches Übereinkommen über die internationale Beförderung gefährlicher Güter auf der Straße) erforderlich.

Abgrenzung zu ähnlichen Begriffen

Der Fahrermangel ist von anderen Engpässen auf dem Arbeitsmarkt zu unterscheiden, die zwar ähnliche Ursachen haben, aber unterschiedliche Berufsgruppen betreffen. Ein verwandter Begriff ist der Fachkräftemangel, der sich auf den generellen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften in verschiedenen Branchen bezieht. Während der Fachkräftemangel ein übergeordnetes Phänomen darstellt, ist der Fahrermangel ein spezifischer Teilaspekt, der sich auf die Logistikbranche konzentriert.

Ein weiterer Begriff, der oft im Zusammenhang mit dem Fahrermangel genannt wird, ist der Lkw-Fahrermangel. Dieser bezieht sich explizit auf den Mangel an Fahrerinnen und Fahrern für Lastkraftwagen und schließt andere Fahrzeugkategorien wie Busse oder Spezialfahrzeuge aus. Im Gegensatz dazu umfasst der Fahrermangel auch Berufsgruppen wie Busfahrerinnen und Busfahrer im öffentlichen Personennahverkehr oder Fahrerinnen und Fahrer von Sonderfahrzeugen wie Kranwagen oder Tanklastzügen.

Superlative

Der Fahrermangel stellt in Deutschland und Europa eines der drängendsten Probleme der Logistikbranche dar. Laut einer Erhebung des Bundesamts für Güterverkehr (BAG) aus dem Jahr 2022 ist der Straßengüterverkehr mit einem Anteil von über 70 % der wichtigste Verkehrsträger für den innereuropäischen Warentransport. Damit ist der Fahrermangel nicht nur ein branchenspezifisches, sondern ein gesamtwirtschaftliches Problem, das die Versorgungssicherheit und die Wettbewerbsfähigkeit der gesamten Volkswirtschaft gefährdet. Zudem ist der Beruf der Berufskraftfahrerin bzw. des Berufskraftfahrers einer der am stärksten von Fachkräftemangel betroffenen Berufe in Deutschland, mit einer Vakanzzeit von durchschnittlich 180 Tagen pro offener Stelle (Quelle: Bundesagentur für Arbeit, 2023).

Anwendungsbereiche

  • Straßengüterverkehr: Der Fahrermangel betrifft vor allem den nationalen und internationalen Straßengüterverkehr, der für die Distribution von Waren in Industrie, Handel und E-Commerce unverzichtbar ist. Unternehmen sind gezwungen, Transportkapazitäten zu reduzieren oder höhere Preise an Kundinnen und Kunden weiterzugeben.
  • Öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV): Auch im Busverkehr führt der Mangel an Fahrerinnen und Fahrern zu Einschränkungen im Fahrplan, Ausfällen von Linien und einer Verschlechterung der Servicequalität. Dies betrifft insbesondere ländliche Regionen, in denen der ÖPNV ohnehin schon unterfinanziert ist.
  • Spezialtransporte: Bereiche wie der Gefahrguttransport, der Schwerlasttransport oder der Kühltransport sind besonders stark vom Fahrermangel betroffen, da hier zusätzliche Qualifikationen und Erfahrung erforderlich sind. Dies führt zu Engpässen bei der Beförderung kritischer Güter wie Chemikalien, Medikamenten oder Lebensmitteln.
  • Lieferdienste und Kurierverkehr: Der boomende E-Commerce und die steigende Nachfrage nach Same-Day-Delivery-Diensten verschärfen den Fahrermangel im Bereich der leichten Nutzfahrzeuge (LNF). Viele Unternehmen setzen hier auf Subunternehmerinnen und Subunternehmer, was jedoch zu prekären Arbeitsbedingungen und hoher Fluktuation führt.

Bekannte Beispiele

  • Deutsche Post DHL Group: Der weltweit größte Logistikkonzern hat in den letzten Jahren wiederholt auf den Fahrermangel als zentrales Risiko für sein Geschäft hingewiesen. Um dem entgegenzuwirken, hat das Unternehmen eigene Ausbildungsprogramme gestartet und kooperiert mit Fahrschulen, um gezielt Nachwuchskräfte zu gewinnen. Zudem setzt DHL auf digitale Lösungen wie Routenoptimierung und Telematik, um die Effizienz der vorhandenen Fahrerinnen und Fahrer zu steigern.
  • Deutsche Bahn (DB Cargo): Auch im Schienengüterverkehr ist der Fahrermangel spürbar, da viele Lokführerinnen und Lokführer in den Ruhestand gehen und zu wenige Nachwuchskräfte ausgebildet werden. Die DB hat daher Initiativen gestartet, um Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger für den Beruf zu gewinnen, und bietet attraktive Einstiegsgehälter sowie flexible Arbeitszeitmodelle an.
  • Amazon und andere E-Commerce-Unternehmen: Durch den rasanten Anstieg des Online-Handels sind Unternehmen wie Amazon auf eine zuverlässige Logistik angewiesen. Um den Fahrermangel zu kompensieren, setzt Amazon auf eine Kombination aus eigenen Lieferflotten, Subunternehmerinnen und Subunternehmern sowie innovativen Konzepten wie Crowdshipping, bei dem Privatpersonen Pakete auf ihrem Weg mitnehmen.
  • ÖPNV in ländlichen Regionen: In vielen ländlichen Gebieten Deutschlands führen Fahrermangel und Unterfinanzierung zu einer dramatischen Verschlechterung des Busangebots. So hat beispielsweise der Landkreis Vorpommern-Greifswald 2023 angekündigt, mehrere Buslinien einzustellen, da keine Fahrerinnen und Fahrer gefunden werden konnten. Dies verschärft die Mobilitätsarmut in strukturschwachen Regionen.

Risiken und Herausforderungen

  • Wirtschaftliche Folgen: Der Fahrermangel führt zu höheren Transportkosten, die entweder von den Unternehmen getragen oder an die Kundinnen und Kunden weitergegeben werden müssen. Dies kann zu Inflationseffekten führen, insbesondere bei lebensnotwendigen Gütern wie Lebensmitteln oder Medikamenten. Zudem gefährdet der Mangel die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen und europäischen Wirtschaft, da Lieferketten instabiler werden.
  • Soziale Ungleichheit: Der Fahrermangel verschärft die Kluft zwischen städtischen und ländlichen Regionen. Während in Ballungsräumen alternative Verkehrsmittel wie die Bahn oder das Fahrrad genutzt werden können, sind Menschen in ländlichen Gebieten oft auf den Individualverkehr angewiesen. Der Wegfall von Buslinien oder Lieferdiensten verschlechtert ihre Mobilität und Versorgung.
  • Arbeitsbedingungen und Prekariat: Um den Fahrermangel zu kompensieren, greifen viele Unternehmen auf Subunternehmerinnen und Subunternehmer oder Leiharbeitskräfte zurück. Dies führt häufig zu prekären Arbeitsverhältnissen mit niedrigen Löhnen, langen Arbeitszeiten und fehlender sozialer Absicherung. Zudem verschärft der Einsatz von Fahrerinnen und Fahrern aus Niedriglohnländern den Druck auf die Löhne in Deutschland.
  • Umweltbelastung: Der Fahrermangel kann auch negative ökologische Folgen haben. Wenn Unternehmen aufgrund von Kapazitätsengpässen auf weniger effiziente Transportmittel ausweichen oder Leerfahrten in Kauf nehmen müssen, steigen die CO₂-Emissionen. Zudem verzögert der Mangel die Einführung umweltfreundlicher Technologien wie Elektro-Lkw oder Wasserstoffantriebe, da die Branche mit akuten Personalproblemen beschäftigt ist.
  • Regulatorische Hürden: Die strengen Vorgaben für die Qualifizierung von Berufskraftfahrerinnen und Berufskraftfahrern sind zwar notwendig, um die Sicherheit im Straßenverkehr zu gewährleisten, stellen jedoch eine hohe Hürde für den Berufseinstieg dar. Viele potenzielle Bewerberinnen und Bewerber scheuen den zeitlichen und finanziellen Aufwand, insbesondere wenn sie bereits in anderen Berufen tätig sind. Zudem erschweren bürokratische Prozesse die Anerkennung ausländischer Qualifikationen.

Ähnliche Begriffe

  • Fachkräftemangel: Bezeichnet den generellen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften in verschiedenen Branchen. Im Gegensatz zum Fahrermangel ist der Fachkräftemangel ein übergeordnetes Phänomen, das auch andere Berufsgruppen wie Pflegekräfte, IT-Spezialistinnen und IT-Spezialisten oder Handwerkerinnen und Handwerker betrifft.
  • Lkw-Fahrermangel: Ein spezifischerer Begriff, der sich ausschließlich auf den Mangel an Fahrerinnen und Fahrern für Lastkraftwagen bezieht. Er schließt andere Fahrzeugkategorien wie Busse oder Spezialfahrzeuge aus.
  • Pilotinnen- und Pilotenmangel: Ein vergleichbares Phänomen in der Luftfahrtbranche, das durch ähnliche Ursachen wie der Fahrermangel gekennzeichnet ist, darunter hohe Qualifikationsanforderungen, unattraktive Arbeitsbedingungen und eine alternde Belegschaft.
  • Seefahrermangel: Bezeichnet den Mangel an qualifizierten Seeleuten in der Schifffahrtsbranche. Auch hier spielen Faktoren wie lange Abwesenheitszeiten, harte Arbeitsbedingungen und hohe Einstiegshürden eine Rolle.

Zusammenfassung

Der Fahrermangel ist ein strukturelles Problem der Transport- und Logistikbranche, das durch demografische Entwicklungen, unattraktive Arbeitsbedingungen und regulatorische Hürden verursacht wird. Er betrifft nicht nur den Straßengüterverkehr, sondern auch den öffentlichen Personennahverkehr und spezialisierte Transportsegmente, mit gravierenden Folgen für die Wirtschaft, die Versorgungssicherheit und die soziale Gerechtigkeit. Während kurzfristige Lösungen wie höhere Löhne oder der Einsatz von Subunternehmerinnen und Subunternehmern den Mangel abmildern können, erfordert eine nachhaltige Bewältigung des Problems grundlegende Reformen in der Ausbildung, den Arbeitsbedingungen und der gesellschaftlichen Wahrnehmung des Berufs. Zudem sind innovative Ansätze wie die Digitalisierung, alternative Antriebe und flexible Arbeitszeitmodelle notwendig, um die Attraktivität des Berufs zu steigern und die Resilienz der Lieferketten zu stärken.

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