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Stuttgart 21 ist ein Infrastrukturprojekt zur Umgestaltung des Stuttgarter Hauptbahnhofes von einem Kopf- in einen Durchgangsbahnhof sowie zur Neuordnung des regionalen und überregionalen Schienenverkehrs in Baden-Württemberg. Das Vorhaben, das seit den 1990er-Jahren geplant wird, zählt zu den größten Verkehrsprojekten Deutschlands und ist aufgrund seiner technischen, ökologischen und finanziellen Dimensionen sowie politischer Kontroversen bundesweit bekannt.
Allgemeine Beschreibung
Stuttgart 21 bezeichnet den Umbau des Stuttgarter Hauptbahnhofes, der bisher als Endbahnhof (Kopfbahnhof) konzipiert war, zu einem unterirdischen Durchgangsbahnhof. Das Projekt umfasst nicht nur den Neubau des Bahnhofs selbst, sondern auch die Anbindung an das bestehende Schienennetz durch neue Tunnelstrecken, wie den Filder-Tunnel (9,5 Kilometer Länge) und den Rosensteintunnel. Ziel ist eine signifikante Verbesserung der Verkehrsanbindung der Landeshauptstadt Stuttgart an das europäische Hochgeschwindigkeitsnetz, insbesondere durch kürzere Fahrzeiten und eine höhere Kapazität für Züge.
Der neue Bahnhof entsteht etwa 15 Meter unter der Erde und soll über acht Gleise verfügen, die als Durchgangsgleise angelegt sind. Die bisherige oberirdische Gleisanlage wird weitgehend zurückgebaut, um Platz für städtische Entwicklungsprojekte wie das neue Stadtquartier "Stuttgart Rosenstein" zu schaffen. Die Bauarbeiten begannen offiziell 2010, nachdem jahrelange Planungen und politische Auseinandersetzungen vorangegangen waren. Ursprünglich sollten die Kosten bei rund 2,6 Milliarden Euro liegen, doch durch Verzögerungen, Planänderungen und unvorhergesehene geologische Herausforderungen stiegen die prognostizierten Gesamtkosten bis 2023 auf über 10 Milliarden Euro (Quelle: Bundesrechnungshof, 2022).
Ein zentraler Kritikpunkt an Stuttgart 21 ist die Finanzierung, die zwischen Bund, Land, Deutscher Bahn AG und der Stadt Stuttgart aufgeteilt wird. Zudem gibt es seit Beginn des Projekts massive Proteste von Bürgerinitiativen, Umweltschutzorganisationen und politischen Gruppen, die vor allem die ökologischen Folgen (z. B. Rodung des Schlossgartens), die Wirtschaftlichkeit und die Transparenz der Planung bemängeln. Trotz dieser Kontroversen wird das Projekt als "verkehrspolitisches Leuchtturmprojekt" (Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur, 2021) beworben, das die Attraktivität des Schienenverkehrs in der Region langfristig steigern soll.
Technische Details
Der unterirdische Durchgangsbahnhof wird in offener Bauweise errichtet, wobei zunächst eine große Baugrube ausgehoben und anschließend die Bahnhofshalle mit den Gleisen gebaut wird. Die Gleise liegen auf einer Länge von etwa 450 Metern unter der Erde und sind für eine Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h ausgelegt – eine bewusste Entscheidung, um die Lärmbelastung in der Innenstadt zu reduzieren. Die Bahnsteige werden barrierefrei gestaltet und sind mit moderner Sicherheitstechnik wie Videoüberwachung und Notrufsystemen ausgestattet.
Ein technisch anspruchsvoller Teil des Projekts ist der Filder-Tunnel, der mit einer Länge von 9,5 Kilometern zu den längsten Eisenbahntunneln Deutschlands zählt. Er verbindet den neuen Hauptbahnhof mit dem Flughafen Stuttgart und der Neubaustrecke nach Ulm (Projekt "Wendlingen–Ulm"*), die ebenfalls Teil der Gesamtplanung ist. Der Tunnel wird mit zwei Röhren gebaut, die jeweils ein Gleis aufnehmen und alle 500 Meter durch Querschläge verbunden sind. Die Tunnelvortriebsarbeiten erfolgten teilweise mit Tunnelbohrmaschinen (TBM), die speziell für die geologischen Gegebenheiten im Stuttgarter Raum (vorwiegend *Gipskeuper und Stuttgart-Formation) konzipiert wurden.
Ein weiteres zentrales Element ist die neue S-Bahn-Strecke (Stammstrecke), die ebenfalls unterirdisch verläuft und den Regionalverkehr entlasten soll. Hier kommen moderne Zugsicherungssysteme wie ETCS (European Train Control System) zum Einsatz, um die Zugfolgen zu verdichten. Die Energieversorgung erfolgt über eine Oberleitung mit einer Spannung von 15 kV bei 16,7 Hz, dem Standard im deutschen Eisenbahnnetz.
Politische und gesellschaftliche Kontroversen
Seit der ersten Vorstellung der Pläne in den 1990er-Jahren ist Stuttgart 21 von heftigen Debatten begleitet. Einer der Höhepunkte war 2010 der "Schwarze Donnerstag" (30. September 2010), als bei einer Großdemonstration gegen das Projekt gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Polizeikräften und Protestierenden stattfanden. Die Proteste wurden unter dem Motto "Stuttgart 21 stoppen" organisiert und umfassten breite Bündnisse aus Umweltverbänden, Anwohnern und politischen Gruppen wie den Grünen oder der Linken. Hauptkritikpunkte waren:
- Die Zerstörung des Schlossgartens, eines historischen Parks in Stuttgart, durch Rodungen und Baumaßnahmen.
- Die Kostenexplosion, die von anfänglich 2,6 Milliarden Euro auf über 10 Milliarden Euro anstieg (Bundesrechnungshof, 2022).
- Die mangelnde Wirtschaftlichkeit, da einige Experten die prognostizierten Fahrzeitgewinne als zu gering einschätzen.
- Die fehlende Bürgerbeteiligung in der frühen Planungsphase.
Trotz der Proteste wurde das Projekt nach einem Schlichtungsverfahren unter Leitung des ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler (2010) fortgeführt. Die Schlichtung ergab zwar keine grundsätzliche Ablehnung, empfahl aber zahlreiche Änderungen, darunter eine bessere Einbindung der Öffentlichkeit. 2013 bestätigte der Bundesverwaltungsgericht in Leipzig die Rechtmäßigkeit der Planfeststellungsbeschlüsse, was den Weg für die Fortsetzung der Bauarbeiten ebnete.
Anwendungsbereiche
- Verkehrsinfrastruktur: Stuttgart 21 soll als zentraler Knotenpunkt im europäischen Hochgeschwindigkeitsnetz dienen und die Anbindung Stuttgarts an Städte wie München, Zürich oder Paris verbessern. Durch die unterirdische Führung der Gleise wird zudem der innerstädtische Verkehr entlastet.
- Stadtentwicklung: Die freigewordenen Flächen des bisherigen Kopfbahnhofs werden für das neue Stadtquartier **"Rosenstein"** genutzt, das Wohnraum, Büros und Grünflächen umfassen soll. Dies ist Teil der strategischen Stadtplanung Stuttgarts, die auf eine Verdichtung der Innenstadt setzt.
- Technologie und Innovation: Das Projekt dient als Testfeld für moderne Bahntechnik, darunter ETCS oder energieeffiziente Tunnelbelüftungssysteme, die später in anderen Großprojekten eingesetzt werden könnten.
Bekannte Beispiele vergleichbarer Projekte
- Berlin Hauptbahnhof (Lehrter Bahnhof): Ein weiterer großer unterirdischer Durchgangsbahnhof in Deutschland, der 2006 eröffnet wurde und als Vorbild für die Integration von Fern-, Regional- und S-Bahn-Verkehr gilt. Im Gegensatz zu Stuttgart 21 verlief die Realisierung jedoch mit geringeren Kostenüberschreitungen.
- Bahnhof Zürich HB (Schweiz): Ein unterirdischer Durchgangsbahnhof ("Bahnhof Löwenstraße"), der als Teil des Projekts "Bahn 2000" die Kapazitäten des Zürcher Knotens deutlich erhöhte. Die Schweizer Erfahrung zeigt, wie unterirdische Bahnhöfe in dicht besiedelten Städten funktionieren können.
- Crossrail (London, UK): Ein Großprojekt zur Ertüchtigung der Londoner Verkehrsinfrastruktur, das ebenfalls mit massiven Kostensteigerungen und Verzögerungen konfrontiert war, aber letztlich als Erfolg für den öffentlichen Nahverkehr gewertet wird.
Risiken und Herausforderungen
- Geologische Risiken: Der Stuttgarter Untergrund besteht aus Gipskeuper, einem wasserlöslichen Gestein, das zu Setzungen und Hohlraumbildungen neigt. Dies erfordert aufwendige Sicherungsmaßnahmen wie Düsenstrahlverfahren oder Bodenvereisung, die zusätzliche Kosten und Zeit verursachen.
- Finanzielle Unsicherheiten: Die stetig steigenden Kosten werfen Fragen nach der Tragfähigkeit des Projekts auf. Kritiker bemängeln, dass die Mittel anderswo im Schienennetz dringender benötigt würden, etwa für die Sanierung maroder Strecken.
- Akzeptanz in der Bevölkerung: Trotz der geplanten Vorteile bleibt die Skepsis groß, insbesondere wegen der langjährigen Baustellenbelastung und der befürchteten Gentrifizierung durch das neue Stadtquartier.
- Verzögerungen im Zeitplan: Ursprünglich sollte der Bahnhof 2019 in Betrieb gehen, doch aufgrund von Bauverzögerungen (u. a. durch die COVID-19-Pandemie) wird die Fertigstellung frühestens für 2025/2026 erwartet (Deutsche Bahn AG, 2023).
Ähnliche Begriffe
- Bahnprojekt Wendlingen–Ulm: Eine Neubaustrecke für Hochgeschwindigkeitszüge, die Stuttgart 21 mit Ulm verbindet und Teil des transeuropäischen Verkehrsnetzes (TEN-T) ist. Die Strecke soll ab 2022 schrittweise in Betrieb genommen werden.
- Tunnelbau in Lockergestein: Bezeichnet die besondere Herausforderung beim Bau von Tunneln in nicht-festem Gestein (wie in Stuttgart), die spezielle Techniken wie Schildvortrieb oder Spritzbetonbauweise erfordert.
- Kombinierter Verkehrsanschluss (KVA): Ein Konzept, das die Verknüpfung von Fern-, Regional- und S-Bahn-Verkehr an einem Bahnhof optimiert, wie es in Stuttgart 21 umgesetzt wird.
- Planfeststellungsverfahren: Ein rechtliches Verfahren in Deutschland, das für Großprojekte wie Stuttgart 21 erforderlich ist und die Umweltverträglichkeit sowie die Einhaltung von Bauvorschriften prüft.
Zusammenfassung
Stuttgart 21 ist eines der ambitioniertesten und zugleich umstrittensten Infrastrukturprojekte Deutschlands. Es zielt darauf ab, den Stuttgarter Hauptbahnhof durch einen unterirdischen Durchgangsbahnhof zu ersetzen und so die Verkehrsanbindung der Region zu modernisieren. Trotz technischer Innovationen wie dem Filder-Tunnel oder dem Einsatz von ETCS wird das Projekt von massiven Kostensteigerungen, geologischen Herausforderungen und anhaltenden Protesten begleitet. Die Fertigstellung verzögert sich seit Jahren, doch die Verantwortlichen betonen die langfristigen Vorteile für den Schienenverkehr und die Stadtentwicklung.
Ob Stuttgart 21 letztlich als Erfolg gewertet wird, hängt nicht nur von der technischen Umsetzung ab, sondern auch davon, ob die versprochenen Verkehrsverbesserungen eintreten und die gesellschaftliche Akzeptanz steigt. Das Projekt bleibt ein Symbol für die Komplexität großer Infrastrukturvorhaben im 21. Jahrhundert.
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