English: Last Mile Logistics / Español: Logística de última milla / Português: Logística da última milha / Français: Logistique du dernier kilomètre / Italiano: Logistica dell'ultimo miglio

Der Begriff Last Mile Logistics (deutsch: Logistik der letzten Meile) beschreibt den finalen Abschnitt der Lieferkette, bei dem Waren vom letzten Verteilzentrum direkt zum Endkunden transportiert werden. Dieser Prozess ist besonders in urbanen Räumen Deutschlands durch hohe Komplexität, Kostendruck und steigende Kundenerwartungen an Liefergeschwindigkeit geprägt. Effiziente Lösungen in diesem Bereich sind entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit von Handels- und Logistikunternehmen.

Allgemeine Beschreibung

Last Mile Logistics bezeichnet den letzten Abschnitt der Transportkette, der typischerweise zwischen 5 und 50 Kilometern umfasst und oft den teuersten sowie zeitintensivsten Teil der gesamten Lieferung darstellt. Laut einer Studie des Fraunhofer-Instituts für Materialfluss und Logistik (IML) entfallen bis zu 53 % der Gesamtkosten einer Lieferung auf diese Phase, was vor allem auf die dezentrale Zustellung in Ballungsräumen und ländlichen Gebieten zurückzuführen ist. In Deutschland wird dieser Bereich zusätzlich durch strenge Umweltauflagen (z. B. Lärm- und Emissionsvorschriften in Innenstädten) und eine hohe Dichte an Einzelhandelsstandorten beeinflusst.

Technologisch wird die Last Mile zunehmend durch Digitalisierung und Automatisierung transformiert. Tools wie Echtzeit-Tracking, KI-gestützte Routenoptimierung (z. B. von Unternehmen wie SAP oder Oracle) und alternative Zustellmethoden (z. B. Paketstationen der DHL oder Drohnenlieferungen im Testbetrieb) gewinnen an Bedeutung. Gleichzeitig steigen die Anforderungen der Verbraucher: Laut einer Umfrage des Bundesverbands Paket und Expresslogistik (BIEK) erwarten über 60 % der deutschen Kunden eine Lieferung innerhalb von 24 Stunden – eine Herausforderung, die klassische Logistikmodelle an ihre Grenzen bringt.

Ein zentrales Problem der Last Mile Logistics in Deutschland ist die Fragmentierung der Infrastruktur. Während in Metropolen wie Berlin oder München dichte Netze an Mikro-Depots und Lieferzonen entstehen, fehlen in ländlichen Regionen oft effiziente Lösungen. Hier setzen Projekte wie das "Land.Lieferung"* des *Bundesministeriums für Digitales und Verkehr (BMDV) an, das durch den Einsatz von autonomen Fahrzeugen und kooperativen Liefermodellen die Versorgungssicherheit verbessern soll. Zudem spielt die Nachhaltigkeit eine wachsende Rolle: Bis 2030 strebt die deutsche Logistikbranche eine Reduktion der CO₂-Emissionen um 40 % an (Quelle: Logistikweisens des BMDV), was den Druck auf Unternehmen erhöht, umweltfreundliche Alternativen wie E-Fahrzeuge oder Lastenräder einzusetzen.

Technische und operative Details

Die Last Mile Logistics lässt sich in drei Kernkomponenten unterteilen: Transportmittel, Routenplanung und Zustellinfrastruktur. Bei den Transportmitteln dominieren in Deutschland derzeit Kleintransporter (bis 3,5 Tonnen), die jedoch zunehmend durch E-Lieferfahrzeuge (z. B. der Mercedes-Benz eSprinter oder Volkswagen ID. Buzz Cargo) ersetzt werden. Für innerstädtische Lieferungen setzen Unternehmen wie DHL oder Hermes zudem auf Lastenräder (z. B. Modelle von Rytle oder Urban Arrow), die in Fußgängerzonen und Umweltzonen uneingeschränkt einsetzbar sind.

Die Routenplanung erfolgt heute meist dynamisch unter Nutzung von Algorithmen, die Faktoren wie Verkehrsaufkommen, Lieferfenster und Fahrzeugkapazitäten in Echtzeit berücksichtigen. Systeme wie Google Maps Platform oder spezialisierte Lösungen von PTV Group ermöglichen eine Optimierung der Touren um bis zu 20 %, was sowohl Kosten als auch Emissionen senkt. Ein weiteres technisches Element sind Mikro-Fulfillment-Center, die in Stadtteilen oder an Verkehrsknotenpunkten (z. B. U-Bahn-Stationen) platziert werden, um die Lieferwege zu verkürzen. Beispiele hierfür sind die "DHL Parcelcube" in Hamburg oder das "Urban Hub" von DB Schenker in Frankfurt.

Ein oft unterschätzter Faktor ist die Rückhol-Logistik (Reverse Logistics), die bei Retouren oder Leergut an Bedeutung gewinnt. In Deutschland fallen jährlich über 300 Millionen Retouren an (Quelle: EHI Retail Institute), deren Abwicklung die Last Mile zusätzlich belastet. Hier setzen Unternehmen auf automatisierte Retourenportale (z. B. von Seven Senders) oder kooperative Modelle, bei denen Kunden Pakete in Packstationen oder Partnerfilialen (z. B. Rewe, DM) abgeben können.

Anwendungsbereiche

  • E-Commerce: Der größte Treiber der Last Mile Logistics in Deutschland, mit einem Marktvolumen von über 100 Milliarden Euro (2023, Statista). Schnelle Lieferzeiten (Same-Day oder Next-Day) und flexible Zustelloptionen (z. B. Zeitfensterwahl) sind hier entscheidend.
  • Lebensmittelhandel: Durch den Boom von Lieferdiensten wie Gorillas, Flink oder Rewe Lieferservice steigt der Bedarf an temperaturgeführter Last Mile (z. B. Kühlketten für Frischeprodukte). Hier kommen spezielle E-Transporter mit Kühlboxen zum Einsatz.
  • Pharmazeutika und Medizinprodukte: Zeitkritische Lieferungen (z. B. von Apotheken oder Krankenhäusern) erfordern zuverlässige Lösungen mit Temperaturüberwachung und Prioritätenmanagement. Unternehmen wie DHL Medical Express bieten hier spezialisierte Dienstleistungen an.
  • B2B-Lieferungen: Auch im Geschäftsverkehr (z. B. Ersatzteile für Maschinen oder Bürobedarf) gewinnt die Last Mile an Bedeutung, insbesondere durch Just-in-Time-Konzepten in der Industrie 4.0.

Bekannte Beispiele

  • DHL Paketstationen: Über 10.000 Standorte in Deutschland (2024), die eine kontaktlose Abholung rund um die Uhr ermöglichen und die Last Mile entlasten.
  • Amazon Flex: Ein Crowdshipping-Modell, bei dem private Fahrer:innen Pakete mit eigenen Fahrzeugen zustellen. In Deutschland seit 2016 aktiv, mit Fokus auf Ballungsräume.
  • Lieferroboter von Starship Technologies: Autonome Roboter, die in Städten wie Hamburg oder Düsseldorf Lebensmittel und Pakete auf kurzen Strecken (bis 5 km) transportieren. Testphase seit 2021.
  • "Grüne Last Mile" der Deutsche Post: Einsatz von über 20.000 E-Fahrzeugen (Stand 2023) und 14.000 Lastenrädern, um die CO₂-Bilanz zu verbessern.

Risiken und Herausforderungen

  • Kostenintensität: Die Last Mile verursacht bis zu 70 % der gesamten Lieferkosten (Quelle: McKinsey), was durch Lohnkosten, Fahrzeugwartung und ineffiziente Routen bedingt ist.
  • Verkehrsbelastung und Emissionen: In Städten wie München oder Köln trägt der Lieferverkehr zu bis zu 30 % des innerstädtischen Verkehrsaufkommens bei (Umweltbundesamt), was Staus und Luftverschmutzung verstärkt.
  • Personalmangel: Der Fachkräftemangel im Logistiksektor (über 80.000 offene Stellen in 2023, Bundesagentur für Arbeit) erschwert die Skalierung von Zustelldiensten.
  • Regulatorische Hürden: Strengere Umweltauflagen (z. B. Fahrverbote für Diesel-Fahrzeuge) und Datenschutzbestimmungen (DSGVO) erhöhen den Planungsaufwand.
  • Kundenerwartungen vs. Realität: Die Nachfrage nach Same-Day-Delivery steigt, doch die Infrastruktur (z. B. fehlende Ladezonen) kann dies oft nicht flächendeckend abdecken.

Ähnliche Begriffe

  • First Mile Logistics: Bezeichnet den ersten Abschnitt der Lieferkette, bei dem Waren vom Hersteller oder Lager zum ersten Verteilzentrum transportiert werden. Im Gegensatz zur Last Mile ist dieser Prozess weniger fragmentiert und oft kostengünstiger.
  • Middle Mile Logistics: Der intermediate Transport zwischen regionalen und lokalen Verteilzentren. Hier kommen meist LKW oder Züge zum Einsatz, mit Fokus auf Effizienz und Skaleneffekte.
  • Micro-Fulfillment: Dezentrale Lager in urbanen Gebieten, die die Last Mile verkürzen, indem sie Bestellungen direkt vor Ort kommissionieren (z. B. in Supermärkten oder unterirdischen Logistikzentren).
  • Crowdshipping: Ein Modell, bei dem private Personen (z. B. über Plattformen wie Amazon Flex) Lieferungen übernehmen. Wird oft als Ergänzung zur klassischen Last Mile genutzt.

Zusammenfassung

Die Last Mile Logistics ist ein zentraler und zugleich herausfordernder Bestandteil moderner Lieferketten in Deutschland. Sie vereint technische Innovationen (von E-Fahrzeugen bis zu KI-Routenplanung) mit operativen Hürden wie Kosten, Personalmangel und Umweltauflagen. Während der E-Commerce und der Lebensmittelhandel die Nachfrage nach schnellen, flexiblen Zustelllösungen antreiben, setzen Unternehmen zunehmend auf Nachhaltigkeit und Automatisierung, um die Effizienz zu steigern. Trotz Fortschritten bleibt die Last Mile ein kostspieliger und komplexer Prozess, dessen Zukunft von der Integration neuer Technologien und kooperativer Modelle abhängt.

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