English: Cost explosion in last-mile delivery / Español: Explosión de costos en la última milla / Português: Explosão de custos na última milha / Français: Explosion des coûts de la dernière mile / Italiano: Esplosione dei costi nell'ultima miglio
Die Kostenexplosion bei der Last Mile beschreibt das rasante Ansteigen der Logistikkosten im letzten Abschnitt der Lieferkette – von der regionalen Verteilerstation bis zur Haustür des Endkunden. In Deutschland wird dieses Phänomen durch strukturelle Herausforderungen wie Urbanisierung, hohe Lohnkosten und wachsende Kundenerwartungen an Flexibilität und Geschwindigkeit verschärft. Besonders der E-Commerce-Boom und die Zunahme von Same-Day-Delivery-Diensten setzen Logistikunternehmen unter enormen Kostendruck.
Allgemeine Beschreibung
Die Last Mile (dt. "letzte Meile") bezeichnet in der Logistik den finalen Transportabschnitt einer Ware vom lokalen Verteilerzentrum bis zum Empfänger. Dieser Abschnitt ist trotz seiner kurzen Distanz – oft nur wenige Kilometer – für bis zu 53 % der gesamten Lieferkosten verantwortlich (Quelle: McKinsey & Company, 2022). Die Kostenexplosion bei der Last Mile resultiert aus einer Kombination mehrerer Faktoren: Hohe Personalkosten durch Fachkräftemangel, ineffiziente Routenplanung in Ballungsräumen, steigende Kraftstoffpreise und die Notwendigkeit mehrerer Zustellversuche bei nicht angetroffenen Empfängern.
In Deutschland wird die Problematik durch spezifische Rahmenbedingungen verstärkt. Die flächendeckende Stadt-Umland-Struktur mit einer Mischung aus dicht besiedelten Innenstädten und ländlichen Regionen erhöht die Komplexität der Tourenplanung. Zudem führen strenge Umweltauflagen (z. B. Fahrverbote für Diesel-Fahrzeuge in Innenstädten) zu zusätzlichen Investitionen in alternative Antriebe oder Mikro-Hubs. Die Rückgabequoten im E-Commerce (bis zu 30 % bei Modeartikeln, Quelle: Statista 2023) verdoppeln oft die Transportkosten, da Retouren ebenfalls über die Last Mile abgewickelt werden müssen.
Technologische Lösungen wie KI-gestützte Routenoptimierung oder der Einsatz von Lieferdrohnen und autonomen Fahrzeugen werden zwar erprobt, sind jedoch noch nicht flächendeckend einsatzbereit. Gleichzeitig steigen die Erwartungen der Verbraucher: Laut einer Studie der Universität St. Gallen (2023) erwarten 68 % der deutschen Online-Käufer eine Lieferung innerhalb von 24 Stunden – oft sogar kostenlos. Diese Diskrepanz zwischen Kundenansprüchen und wirtschaftlichen Realitäten treibt die Kosten weiter in die Höhe.
Ursachen der Kostenexplosion
Die Haupttreiber der Kostensteigerung lassen sich in strukturelle, operationalen und kundeninduzierte Faktoren unterteilen. Strukturell spielt die Zersiedelung der Liefergebiete eine zentrale Rolle: Während in Metropolen wie Berlin oder München die Zustelldichte hoch ist, führen ländliche Regionen zu langen Anfahrtswegen pro Paket. Operational verstärken ineffiziente Lagerprozesse (z. B. manuelle Kommissionierung) und hohe Fluktuation bei Zustellfahrern (bis zu 40 % jährlich, Quelle: Bundesvereinigung Logistik, 2023) die Problematik.
Ein weiterer Kostentreiber ist die Regulatorik: Die Einführung der CO₂-Steuer auf Kraftstoffe (seit 2021) und die verschärften Lärmgrenzwerte für Nachtzustellungen erhöhen die Betriebskosten. Zudem verlangen Kommunen zunehmend Stadtmaut-Systeme (wie in London oder Stockholm erprobt), die auch in deutschen Städten diskutiert werden. Kundeninduziert wirken sich kostenlose Rücksendungen und die Nachfrage nach Zeitfenster-Lieferungen (z. B. "zwischen 18 und 20 Uhr") direkt auf die Margen aus, da sie zusätzliche Fahrten oder Lagerkapazitäten erfordern.
Technologische und organisatorische Lösungsansätze
Um die Kostenexplosion bei der Last Mile einzudämmen, setzen Unternehmen auf eine Kombination aus Digitalisierung, Kooperationen und nachhaltigen Liefermodellen. Dynamische Routenplanung mit Echtzeitdaten (z. B. über Google Maps Platform oder Here Technologies) reduziert Leerfahrten um bis zu 20 %. Mikro-Fulfillment-Center in Stadtlagen – oft in Kooperation mit Einzelhändlern (z. B. DHL Packstationen in REWE-Filialen) – verkürzen die Distanzen und senken die CO₂-Emissionen.
Im Bereich alternativer Zustellmethoden werden Lastenräder (z. B. von DHL oder UPS in Hamburg) und elektrische Transporter (wie der Mercedes eSprinter) eingesetzt, die zwar höhere Anschaffungskosten haben, aber langfristig durch geringere Betriebskosten überzeugen. Crowdshipping-Modelle (z. B. Amazon Flex) nutzen private Fahrer für spontane Lieferungen, was jedoch Fragen zur Arbeitsqualität und Versicherung aufwirft. Autonome Lieferroboter (wie die von Starship Technologies in Potsdam getesteten) könnten langfristig Personalkosten senken, sind aber aktuell noch auf kleine Testgebiete beschränkt.
Ein vielversprechender Ansatz ist die Bündelung von Lieferungen durch Kooperationen zwischen Logistikern (z. B. DPD und Hermes in ländlichen Regionen) oder die Nutzung von shared economy-Konzepten, bei denen Konkurrenzunternehmen gemeinsame Verteilerzentren nutzen. Die Blockchain-Technologie wird zudem erprobt, um Lieferketten transparenter zu gestalten und Betrug (z. B. bei Retouren) zu reduzieren.
Anwendungsbereiche
- E-Commerce: Online-Händler wie Amazon, Zalando oder Otto sind besonders betroffen, da sie hohe Retourenquoten und Same-Day-Delivery-Anforderungen bewältigen müssen. Die Kosten für die Last Mile machen hier oft bis zu 13 % des Warenwerts aus (Quelle: PwC, 2023).
- Lebensmittel-Lieferdienste: Anbieter wie Gorillas, Flink oder REWE Lieferservice kämpfen mit extrem kurzen Lieferzeiten (unter 30 Minuten) und hohen Personalkosten, was zu einer negativen Unit Economics führt – viele dieser Unternehmen sind trotz hoher Umsätze nicht profitabel.
- Pharma- und Gesundheitslogistik: Die Zustellung von Medikamenten oder medizinischen Geräten erfordert oft temperaturgeführte Transportketten und spezielle Sicherheitsvorkehrungen, was die Kosten pro Lieferung auf bis zu 50 € treiben kann (Quelle: Roland Berger, 2022).
- B2B-Lieferungen: Auch im Geschäftsverkehr (z. B. Ersatzteile für Maschinen) steigen die Anforderungen an Eilzustellungen, insbesondere in der Industrie 4.0, wo Stillstandszeiten teuer sind.
Bekannte Beispiele
- DHL "StreetScooter": Der von der Deutschen Post entwickelte elektrische Transporter sollte die Last-Mile-Kosten senken, scheiterte jedoch an hohen Wartungskosten und wurde 2020 eingestellt. Die Erfahrung zeigte, dass Skaleneffekte entscheidend für die Wirtschaftlichkeit sind.
- Amazon "Prime Air": Das Drohnen-Lieferprojekt wird seit 2016 in ausgewählten Regionen (u. a. im UK) getestet, stößt aber auf regulatorische Hürden in Deutschland (Luftverkehrsgesetz). Die Kosten pro Drohnenlieferung liegen aktuell noch bei ~30–40 € – unwirtschaftlich für Standardpakete.
- Hermes "Parcelshop-Netzwerk": Durch die Auslagerung der Zustellung auf lokale Läden (z. B. Kioske) konnten die Kosten pro Paket um ~15 % gesenkt werden, allerdings auf Kosten der Kundenakzeptanz (längere Wege für Empfänger).
- Lieferroboter in Potsdam: Das Start-up Starship Technologies testet seit 2021 autonome Roboter für Lebensmittellieferungen auf dem Campus der Universität Potsdam. Die Betriebskosten pro Lieferung liegen bei ~1–2 €, jedoch ist die Skalierung in dicht besiedelten Städten noch ungelöst.
Risiken und Herausforderungen
- Regulatorische Unsicherheit: Gesetze zu Drohnenflügen, autonomen Fahrzeugen und Arbeitsbedingungen (z. B. Mindestlohn für Crowdworker) ändern sich häufig und erschweren langfristige Investitionen. Die EU-"Last-Mile-Delivery"-Richtlinie (in Vorbereitung) könnte zusätzliche Auflagen bringen.
- Datenprivatsphäre: Echtzeit-Tracking und KI-Optimierung erfordern den Zugang zu Kundendaten (z. B. Standorte), was mit der DSGVO kollidieren kann. Unternehmen wie DHL wurden bereits wegen unklarer Datennutzung abgemahnt.
- Infrastrukturlücken: Fehlende Ladeinfrastruktur für E-Fahrzeuge und unzureichende Radwege in Städten bremsen nachhaltige Lösungen. In Berlin gibt es z. B. nur ~1.200 öffentliche Ladesäulen (Stand 2023) für über 30.000 gewerbliche Lieferfahrzeuge.
- Kundenakzeptanz: Viele Verbraucher lehnen alternative Zustellmethoden (z. B. Paketstationen oder späte Abholzeiten) ab. Eine Studie der Hochschule für Technik Stuttgart (2023) zeigt, dass 42 % der Kunden bereit sind, für Same-Day-Delivery extra zu zahlen – aber nur 18 % akzeptieren längere Lieferzeiten für niedrigere Kosten.
- Wirtschaftliche Tragfähigkeit: Viele innovative Ansätze (z. B. Drohnen oder Roboter) sind aktuell nicht kostendeckend. Die Amortisationszeit für Investitionen in Automatisierung liegt oft bei 5–10 Jahren – zu lang für viele Start-ups.
Ähnliche Begriffe
- Last-Mile-Logistik: Der übergeordnete Begriff für alle Prozesse im finalen Lieferabschnitt, unabhängig von den Kosten. Umfasst auch Themen wie Nachhaltigkeit oder Kundenerlebnis.
- Same-Day-Delivery: Ein Logistikmodell, bei dem die Lieferung am gleichen Tag wie die Bestellung erfolgt. Treibt die Kosten durch Express-Zustellung und Lagervorhaltung in die Höhe.
- Mikro-Fulfillment: Dezentrale Lager in Stadtlagen, die eine schnellere Lieferung ermöglichen. Wird oft mit Dark Stores (Läden ohne Kundenverkehr) kombiniert.
- Crowdshipping: Die Nutzung privater Personen (z. B. Pendler) für Lieferungen. Senkt Fixkosten, wirft aber Fragen zur Haftung und Qualitätssicherung auf.
- Reverse Logistics: Der Prozess der Rückführung von Waren (z. B. Retouren). Verursacht zusätzliche Last-Mile-Kosten, da Retouren oft einzeln abgeholt werden müssen.
Zusammenfassung
Die Kostenexplosion bei der Last Mile ist ein zentrales Problem der modernen Logistik, das durch Urbanisierung, hohe Kundenerwartungen und regulatorische Auflagen verschärft wird. Während technologische Lösungen wie KI, Drohnen oder Mikro-Hubs Potenzial bieten, sind sie oft noch nicht skalierbar oder wirtschaftlich tragfähig. Besonders in Deutschland führen hohe Lohnkosten, komplexe Stadtstrukturen und Umweltvorgaben zu einer prekären Kostensituation, die langfristig entweder zu höheren Liefergebühren oder einer Konsolidierung der Branche führen könnte.
Unternehmen müssen kooperative Modelle (z. B. gemeinsame Verteilerzentren) und nachhaltige Technologien (E-Mobilität, Radlogistik) vorantreiben, um die Effizienz zu steigern. Gleichzeitig ist eine realistischere Preispolitik notwendig, bei der Kunden die tatsächlichen Kosten der Last Mile tragen – etwa durch dynamische Liefergebühren oder Anreize für flexible Zustellzeiten. Ohne strukturelle Veränderungen wird die Kostenexplosion die Profitabilität der gesamten E-Commerce-Branche gefährden.
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