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Ein Jakobs-Drehgestell ist ein spezielles Fahrwerksdesign für Schienenfahrzeuge, das die Stabilität und Effizienz von Zügen durch die gemeinsame Nutzung eines Drehgestells zwischen zwei Wagenkasten erhöht. Diese Konstruktion findet vor allem in modernen Nahverkehrszügen und Hochgeschwindigkeitszügen Anwendung, wo Leichtbauweise und dynamische Laufruhe entscheidend sind. Die technische Lösung optimiert nicht nur den Platzbedarf, sondern reduziert auch den Verschleiß an Rad und Schiene.

Allgemeine Beschreibung

Das Jakobs-Drehgestell stellt eine innovative Abkehr von der klassischen Bauweise dar, bei der jeder Wagen über zwei eigenständige Drehgestelle verfügt. Stattdessen wird ein Drehgestell von zwei benachbarten Wagenkasten geteilt, wodurch sich die Gesamtzahl der Drehgestelle pro Zug verringert. Diese Anordnung führt zu einer gleichmäßigeren Gewichtsverteilung und verbessert die Kurvenlaufeigenschaften, da die Drehgestelle näher am Schwerpunkt der Wagen positioniert sind.

Ein zentraler Vorteil liegt in der Reduzierung des Zuggewichts, was direkt den Energieverbrauch senkt und die Beschleunigungsfähigkeit erhöht. Besonders bei elektrischen Triebzügen, wie sie im Regional- und S-Bahn-Verkehr eingesetzt werden, ermöglicht diese Bauweise eine effizientere Nutzung der Antriebsleistung. Zudem verringert sich durch die kompaktere Bauform der aerodynamische Widerstand, was bei hohen Geschwindigkeiten zu weiteren Energieeinsparungen führt.

Konstruktiv besteht ein Jakobs-Drehgestell aus einem Rahmen, der die Radsätze trägt und über elastische Elemente mit den Wagenkästen verbunden ist. Die Verbindung erfolgt meist über so genannte Wiegen oder Pendelstützen, die vertikale und horizontale Bewegungen ausgleichen. Diese Flexibilität ist entscheidend, um die Laufruhe auch bei unebenen Gleisverläufen oder Weichen zu gewährleisten. Moderne Varianten integrieren zudem aktive Dämpfungssysteme, die Vibrationen und Geräusche weiter minimieren.

Historisch betrachtet wurde das Prinzip des Jakobs-Drehgestells bereits in den 1920er-Jahren entwickelt, fand aber erst mit dem Aufkommen leichterer Materialien wie Aluminium und Verbundwerkstoffe in den 1970er- und 1980er-Jahren breitere Anwendung. Heute ist es ein Standard in vielen europäischen und asiatischen Zugkonzepten, insbesondere bei Doppelstockzügen und Niederflurfahrzeugen, wo Platzoptimierung und Barrierefreiheit im Vordergrund stehen.

Technische Details

Die technische Auslegung eines Jakobs-Drehgestells unterliegt strengen normativen Vorgaben, insbesondere der EN 13749 (Drehgestelle – Anforderungen und Prüfungen) und der EN 14363 (Eisenbahnanwendungen – Prüfung der strukturellen Integrität von Schienenfahrzeugkästen). Ein typisches Jakobs-Drehgestell weist zwei Radsätze auf, die über eine Primärfederung (meist Schraubenfedern oder Luftfedern) mit dem Drehgestellrahmen verbunden sind. Die Sekundärfederung zwischen Drehgestell und Wagenkasten besteht häufig aus Luftfedern, die eine präzise Höhenregulierung ermöglichen – essenziell für den Einsatz in Bahnhöfen mit unterschiedlichen Bahnsteighöhen.

Die Achslast eines Jakobs-Drehgestells liegt in der Regel zwischen 16 und 20 Tonnen pro Achse, abhängig von der zugelassenen Höchstgeschwindigkeit und dem Einsatzgebiet. Bei Hochgeschwindigkeitszügen wie dem ICE 4 oder dem TGV Duplex werden spezielle Ausführungen mit verstärkten Rahmen und aerodynamisch optimierten Verkleidungen verwendet, um den Anforderungen bei Geschwindigkeiten über 250 km/h gerecht zu werden. Die Radsätze selbst sind oft als Monobloc-Räder (einstückige Stahlräder) oder geschrumpfte Radsätze (mit aufgeschrumpften Radreifen) ausgeführt, um die Wartungsintervalle zu verlängern.

Ein kritischer Aspekt ist die Entgleisungssicherheit, die durch die geometrische Anordnung der Radsätze und die Federungseigenschaften beeinflusst wird. Moderne Jakobs-Drehgestelle verfügen über Y-25- oder Y-32-Radsatzanordnungen (gemäß UIC 518), die ein optimales Verhältnis zwischen Spurführung und Entgleisungswiderstand bieten. Zudem kommen zunehmend Radsatzlager mit Condition-Monitoring-Systemen zum Einsatz, die Temperatur, Vibrationen und Schmierstoffzustand in Echtzeit überwachen, um vorzeitigen Verschleiß zu erkennen.

Anwendungsbereiche

  • Regional- und S-Bahn-Verkehr: Hier dominieren Jakobs-Drehgestelle in Niederflurfahrzeugen wie dem Stadler FLIRT oder dem Alstom Coradia, wo sie durch ihre kompakte Bauweise den barrierefreien Einstieg ermöglichen und die Wagenübergänge ebenerdig gestalten. Die reduzierte Anzahl an Drehgestellen senkt zudem die Infrastrukturkosten für Wartung und Gleisinstandhaltung.
  • Hochgeschwindigkeitszüge: In Zügen wie dem ICE 4 oder dem Frecciarossa 1000 kommen Jakobs-Drehgestelle zum Einsatz, um das Gewicht zu minimieren und die aerodynamische Effizienz zu steigern. Die gemeinsame Nutzung der Drehgestelle zwischen den Wagen reduziert zudem die Übergangsgeräusche und verbessert den Komfort für die Fahrgäste.
  • Doppelstockzüge: Bei Fahrzeugen wie dem Bombardier Twindexx oder dem Stadler KISS ermöglichen Jakobs-Drehgestelle eine optimale Gewichtsverteilung über beide Ebenen und tragen zur Stabilität bei hohen Geschwindigkeiten bei. Die Bauweise erlaubt zudem größere Fensterflächen und mehr Sitzplätze pro Wagen.
  • Tram-Train-Systeme: In hybrid geführten Systemen, die sowohl auf Straßenbahngleisen als auch auf Vollbahnen verkehren (z. B. Karlsruher Modell), sorgen Jakobs-Drehgestelle für die notwendige Flexibilität bei unterschiedlichen Spurweiten und Kurvenradien.

Bekannte Beispiele

  • ICE 4 (Deutschland): Der Hochgeschwindigkeitszug der Deutschen Bahn nutzt Jakobs-Drehgestelle in den Mittelwagen, um Gewicht zu sparen und die Energieeffizienz zu steigern. Die Drehgestelle sind hier mit aktiven Dämpfungssystemen ausgestattet, die den Komfort bei Geschwindigkeiten bis 265 km/h sicherstellen.
  • TGV Duplex (Frankreich): Der französische Doppelstock-Hochgeschwindigkeitszug setzt auf Jakobs-Drehgestelle, um die Achslast zu verringern und die Kapazität pro Zug zu erhöhen. Die Konstruktion ermöglicht eine Höchstgeschwindigkeit von 320 km/h bei gleichzeitig reduzierter Lärmemission.
  • Stadler FLIRT (Europa/USA): Dieser elektrische Triebzug für den Regionalverkehr ist in zahlreichen Varianten mit Jakobs-Drehgestellen erhältlich. Besonders die Niederflurversionen profitieren von der kompakten Bauweise, die einen stufenlosen Einstieg ermöglicht.
  • Shinkansen N700S (Japan): Die neueste Generation des japanischen Hochgeschwindigkeitszugs verwendet Jakobs-Drehgestelle mit verbesserten Dämpfungseigenschaften, um die Laufruhe in Erdbebenregionen zu erhöhen. Die Drehgestelle sind hier mit Notlaufsystemen ausgestattet, die auch bei Ausfall der Primärfederung die Sicherheit gewährleisten.

Risiken und Herausforderungen

  • Wartungsaufwand: Obwohl Jakobs-Drehgestelle die Anzahl der Komponenten reduzieren, erfordert ihre komplexe Verbindung mit zwei Wagenkasten präzise Wartungsprotokolle. Besonders die elastischen Elemente und Lager müssen regelmäßig auf Verschleiß geprüft werden, um Langzeitschäden zu vermeiden.
  • Entgleisungsrisiko bei extremen Belastungen: Bei Unfällen oder extremen Witterungsbedingungen (z. B. starkem Seitenwind) kann die gemeinsame Nutzung eines Drehgestells durch zwei Wagen zu einer ungleichmäßigen Krafteinleitung führen. Moderne Sicherheitsnormen wie die EN 15227 (Crash-Anforderungen) schreiben daher spezielle Verstärkungen vor.
  • Begrenzte Flexibilität bei Zugkonfigurationen: Da Jakobs-Drehgestelle fest mit den Wagenkästen verbunden sind, ist das Umrüsten oder Austauschen einzelner Wagen aufwendiger als bei klassischen Drehgestellkonzepten. Dies kann bei Betreibern mit häufig wechselnden Zugkompositionen zu logistischen Herausforderungen führen.
  • Geräuschentwicklung: Trotz aktiver Dämpfungssysteme können Jakobs-Drehgestelle bei hohen Geschwindigkeiten oder auf unebenen Strecken erhöhte Vibrationen und Geräusche verursachen. Dies erfordert zusätzliche Schallschutzmaßnahmen, insbesondere in dicht besiedelten Gebieten.
  • Kostenintensive Entwicklung: Die Integration von Jakobs-Drehgestellen in neue Zugkonzepte erfordert umfangreiche Simulationen und Tests, um die Wechselwirkungen zwischen den Wagenkästen und dem Drehgestell zu optimieren. Dies erhöht die Entwicklungs- und Zertifizierungskosten im Vergleich zu konventionellen Bauweisen.

Ähnliche Begriffe

  • Einzelachsantrieb: Ein Antriebskonzept, bei dem jede Achse eines Drehgestells einzeln von einem Motor angetrieben wird. Im Gegensatz zum Jakobs-Drehgestell, das sich auf die mechanische Verbindung konzentriert, liegt der Fokus hier auf der Antriebsoptimierung, oft kombiniert mit Jakobs-Drehgestellen in modernen Triebzügen.
  • Laufdrehgestell: Ein Drehgestell ohne Antrieb, das ausschließlich der Lastaufnahme und Spurführung dient. Während Jakobs-Drehgestelle oft als Laufdrehgestelle ausgeführt sind, können sie auch Antriebe integrieren (z. B. in Triebzügen).
  • Gelenkzug: Ein Zugkonzept, bei dem Wagen über Gelenke miteinander verbunden sind und gemeinsame Drehgestelle nutzen. Das Jakobs-Drehgestell ist eine spezifische Ausprägung dieses Prinzips, bei der die Drehgestelle zwischen den Wagenkasten angeordnet sind.
  • Bo'Bo'-Achsfolge: Eine Klassifizierung von Drehgestellen nach der UIC-Nomenklatur, die die Anordnung der angetriebenen und nicht angetriebenen Achsen beschreibt. Jakobs-Drehgestelle können je nach Ausführung als Bo'Bo' (vier Achsen, alle angetrieben) oder 2'2' (vier Achsen, alle laufen) ausgeführt sein.

Zusammenfassung

Das Jakobs-Drehgestell repräsentiert eine Schlüsseltechnologie im modernen Schienenfahrzeugbau, die durch die gemeinsame Nutzung von Drehgestellen zwischen zwei Wagenkasten Gewicht, Energieverbrauch und Wartungsaufwand reduziert. Seine Anwendungen reichen vom Regionalverkehr bis zu Hochgeschwindigkeitszügen, wobei besonders die Verbesserung der Laufruhe, die Platzersparnis und die aerodynamischen Vorteile überzeugen. Trotz Herausforderungen wie erhöhtem Wartungsaufwand oder Crashsicherheitsanforderungen bleibt es ein unverzichtbares Element für effiziente und komfortable Zugkonzepte.

Die kontinuierliche Weiterentwicklung – etwa durch aktive Dämpfungssysteme oder Condition-Monitoring – unterstreicht seine Bedeutung für die Zukunft der Schienenmobilität, insbesondere im Kontext von Leichtbauweise und Digitalisierung. Normen wie die EN 13749 oder UIC 518 sichern dabei die technische Kompatibilität und Sicherheit über verschiedene Einsatzgebiete hinweg.

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