English: Berlin Test Track for Autonomous Buses / Español: Circuito de Pruebas de Berlín para Autobuses Autónomos / Português: Pista de Teste de Berlim para Ônibus Autônomos / Français: Circuit d'Essai de Berlin pour Bus Autonomes / Italiano: Pista di Prova di Berlino per Bus Autonomi

Die Berliner Teststrecke für autonome Busse ist ein zentrales Projekt zur Erforschung und Erprobung selbstfahrender ÖPNV-Lösungen in urbanen Räumen. Sie dient als Reallabor für die Integration autonomer Fahrzeuge in den öffentlichen Nahverkehr und verbindet technologische Innovation mit praktischen Anforderungen des Stadtverkehrs. Die Strecke ist Teil der deutschen Strategie zur Digitalisierung der Mobilität und wird in enger Zusammenarbeit mit Forschungseinrichtungen, Verkehrsbetrieben und Technologieunternehmen betrieben.

Allgemeine Beschreibung

Die Berliner Teststrecke für autonome Busse ist ein speziell eingerichteter Abschnitt im öffentlichen Straßenraum Berlins, der seit 2018 für die Erprobung hoch- und vollautomatisierter Fahrzeuge (SAE-Level 4) genutzt wird. Die Strecke erstreckt sich über etwa 3,7 Kilometer im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf und verbindet den Ernst-Reuter-Platz mit dem Bahnhof Zoo. Sie führt durch komplexe Verkehrssituationen, darunter Ampelkreuzungen, Bushaltestellen und Fußgängerzonen, um die Interaktion autonomer Busse mit anderen Verkehrsteilnehmern unter realen Bedingungen zu testen.

Betrieben wird die Teststrecke im Rahmen des Projekts "Stadtpilot" (Quelle: Bundesministerium für Digitales und Verkehr, BMV), das vom *Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) koordiniert wird. Die eingesetzten Fahrzeuge sind mit einer Kombination aus LiDAR-Sensoren, Radar, Kameras und GPS-Hochpräzisionssystemen (RTK-GPS) ausgestattet, um eine zentimetergenaue Positionsbestimmung und Umfelderfassung zu ermöglichen. Die Strecke ist mit einer V2X-Infrastruktur (Vehicle-to-Everything) ausgerüstet, die die Kommunikation zwischen Fahrzeugen, Ampeln und Verkehrszentralen in Echtzeit ermöglicht.

Ein zentrales Ziel der Teststrecke ist die Untersuchung der Sicherheitsaspekte autonomer Busse im Mischverkehr, insbesondere in Bezug auf Fußgänger, Radfahrer und konventionelle Fahrzeuge. Daneben werden Akzeptanzstudien durchgeführt, um das Vertrauen der Bevölkerung in autonome ÖPNV-Lösungen zu evaluieren. Die gewonnenen Daten fließen in die Entwicklung nationaler und europäischer Regularien für den Einsatz autonomer Fahrzeuge ein, etwa in die UN-ECE-R157-Zulassungsvorschrift für automatisierte Fahrsysteme (Quelle: UNECE).

Die Teststrecke ist in mehrere Abschnitte unterteilt, die unterschiedliche Verkehrsszenarien abdecken: - Urbaner Mischverkehr mit Geschwindigkeitsbegrenzungen bis 50 km/h, - Haltestellenbereiche mit automatisierter Türsteuerung und Fahrgastwechsel, - Priorisierte Ampelschaltungen für den ÖPNV (grüne Welle), - Notfallmanöver wie Hindernisvermeidung oder kontrolliertes Anhalten.

Technische Infrastruktur

Die technische Ausstattung der Berliner Teststrecke für autonome Busse umfasst sowohl fahrzeugseitige als auch infrastrukturseitige Komponenten. Die Fahrzeuge selbst sind mit redundanten Steuerungssystemen ausgestattet, die bei Ausfall eines Sensors oder Rechners die Kontrolle übernehmen. Die LiDAR-Sensoren (Light Detection and Ranging) erfassen die Umgebung mit einer Reichweite von bis zu 200 Metern und einer Auflösung von unter 5 cm, während Radarsensoren (77 GHz) für die Geschwindigkeitsmessung und Objekterkennung bei schlechten Wetterbedingungen (Regen, Nebel) eingesetzt werden.

Die V2X-Kommunikation basiert auf dem ETSI ITS-G5-Standard (Quelle: ETSI), einem europäischen Protokoll für die Fahrzeug-zu-Infrastruktur-Kommunikation (V2I) und Fahrzeug-zu-Fahrzeug-Kommunikation (V2V). Diese Technologie ermöglicht es den Bussen, mit Ampelanlagen zu interagieren, um grüne Phasen anzufordern oder vor Gefahrenstellen gewarnt zu werden. Zudem ist die Strecke mit HD-Karten (High-Definition Maps) ausgestattet, die eine Genauigkeit von ±10 cm bieten und dynamische Änderungen (z. B. Baustellen) in Echtzeit aktualisieren.

Für die Energieversorgung der Sensoren und Kommunikationssysteme nutzen die Busse eine Kombination aus 48-Volt-Bordnetzen und Lithium-Ionen-Batterien, die auch die elektrischen Antriebe speisen. Die Datenverarbeitung erfolgt in fahrzeuginternen Rechenclustern mit einer Leistung von bis zu 100 TOPS (Tera Operations Per Second), die Deep-Learning-Algorithmen für die Echtzeit-Entscheidungsfindung ausführen. Die gesammelten Daten werden an eine Cloud-basierte Leitstelle übertragen, wo sie mit KI-Methoden analysiert und für die weitere Optimierung der Algorithmen genutzt werden.

Anwendungsbereiche

  • Öffentlicher Nahverkehr: Die Teststrecke dient als Modell für die Integration autonomer Busse in bestehende ÖPNV-Netze, insbesondere in Ballungsräumen mit hohem Verkehrsaufkommen. Ziel ist die Steigerung der Effizienz durch präzisere Taktung und reduzierte Leerfahrten.
  • Stadtplanung und Verkehrsforschung: Die gewonnenen Erkenntnisse fließen in die Entwicklung intelligenter Verkehrsleitsysteme ein, die Staus reduzieren und die Verkehrssicherheit erhöhen. Besonders im Fokus steht die Interaktion mit vulnerablen Verkehrsteilnehmern wie Fußgängern und Radfahrern.
  • Regulatorische Rahmenbedingungen: Die Teststrecke liefert Daten für die Anpassung gesetzlicher Vorgaben, etwa zur Zulassung autonomer Fahrzeuge im öffentlichen Raum (z. B. § 1a StVG in Deutschland).
  • Technologieentwicklung: Hersteller nutzen die Strecke, um Sensoren, KI-Algorithmen und Kommunikationssysteme unter realen Bedingungen zu validieren und weiterzuentwickeln.
  • Akzeptanzforschung: Durch Befragungen und Testfahrten mit Bürgern wird untersucht, wie autonome Busse von der Bevölkerung wahrgenommen werden und welche Faktoren das Vertrauen in die Technologie beeinflussen.

Bekannte Beispiele

  • Projekt "Stadtpilot Berlin": Seit 2018 werden auf der Teststrecke autonome Kleinbusse des Typs EZ10 (Hersteller: EasyMile, Frankreich) eingesetzt, die bis zu 12 Passagiere befördern können. Die Fahrzeuge fahren mit einer Höchstgeschwindigkeit von 20 km/h und sind für den Einsatz auf kurzen Strecken im Innenstadtbereich konzipiert.
  • Kooperation mit der BVG: Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) testen seit 2021 den Einsatz autonomer Busse im Linienbetrieb auf der Strecke 204 (Ergänzung zum regulären Angebot). Die Busse sind mit einem Sicherheitsfahrer besetzt, der im Notfall eingreifen kann.
  • EU-Projekt "AVENUE": Im Rahmen dieses Projekts (Autonomous Vehicles to Evolve to a New Urban Experience) wird die Berliner Teststrecke mit ähnlichen Initiativen in Luxemburg, Genf und Lyon vernetzt, um europaweite Standards für autonome ÖPNV-Systeme zu entwickeln.
  • Feldversuch "Digitaler Knoten 4.0": Ein Teilabschnitt der Strecke ist in das BMVI-Projekt "Digitaler Knoten 4.0" eingebunden, das die Vernetzung von Verkehrsinfrastruktur mit autonomem Verkehr erforscht. Hier werden insbesondere die Schnittstellen zu Ampelanlagen und Verkehrszentralen getestet.

Risiken und Herausforderungen

  • Technische Zuverlässigkeit: Trotz redundanter Systeme können Sensorfehler oder Softwarebugs zu kritischen Situationen führen, etwa bei der Erkennung von Fußgängern in komplexen Umgebungen (z. B. bei Gegenlicht oder schlechter Wetterlage).
  • Rechtliche Hürden: Die Zulassung autonomer Fahrzeuge im öffentlichen Raum erfordert klare Haftungsregelungen, insbesondere bei Unfällen. Aktuell ist in Deutschland ein Sicherheitsfahrer vorgeschrieben, was die Wirtschaftlichkeit einschränkt.
  • Datenenschutz: Die Erfassung und Verarbeitung großer Mengen an Umfeld- und Bewegungsdaten wirft Fragen zum Schutz personenbezogener Daten auf, insbesondere bei der Nutzung von Kameras in öffentlichen Räumen.
  • Akzeptanz der Bevölkerung: Skepsis gegenüber autonomer Technologie, insbesondere nach Vorfällen wie dem tödlichen Unfall eines autonomen Testfahrzeugs in Arizona (2018, Quelle: NTSB), kann die Einführung verzögern.
  • Infrastrukturkosten: Der Ausbau der notwendigen V2X-Infrastruktur und HD-Karten ist mit hohen Investitionen verbunden, die von Kommunen oft nicht allein getragen werden können.
  • Ethische Fragen: Die Programmierung von Entscheidungsalgorithmen in Dilemma-Situationen (z. B. Ausweichmanöver) wirft ethische Debatten auf, die bisher nicht abschließend geklärt sind.

Ähnliche Begriffe

  • Autonome Shuttles: Kleinbusse mit niedrigen Geschwindigkeiten (meist unter 30 km/h), die auf abgegrenzten Strecken wie Campusgeländen oder Industrieparks eingesetzt werden. Im Gegensatz zur Berliner Teststrecke operieren sie oft in weniger komplexen Verkehrsumgebungen.
  • V2X-Kommunikation (Vehicle-to-Everything): Technologie, die Fahrzeuge mit der Infrastruktur (Ampeln, Verkehrsschilder) und anderen Fahrzeugen vernetzt. Wird auf der Berliner Teststrecke genutzt, ist aber auch in anderen Projekten wie dem 5G-Mobilfunk für den Verkehr relevant.
  • SAE-J3016-Standard: Klassifizierungssystem der Society of Automotive Engineers (SAE) für autonome Fahrzeuge, das von Level 0 (keine Automatisierung) bis Level 5 (vollständige Autonomie) reicht. Die Berliner Teststrecke fokussiert sich auf Level 4 (hochautomatisiert, aber mit räumlichen Einschränkungen).
  • Reallabor (Urbanes Laboratorium): Ein räumlich begrenztes Testfeld, in dem neue Technologien unter realen Bedingungen erprobt werden. Die Berliner Teststrecke ist ein Beispiel für ein Reallabor im Bereich Mobilität.
  • Platooning: Technologie, bei der mehrere Fahrzeuge elektronisch gekoppelt in kurzem Abstand fahren, um den Verkehrfluss zu optimieren. Wird vor allem im Güterverkehr erprobt, während die Berliner Teststrecke auf den ÖPNV spezialisiert ist.

Zusammenfassung

Die Berliner Teststrecke für autonome Busse ist ein wegweisendes Projekt zur Erprobung selbstfahrender ÖPNV-Lösungen im urbanen Raum. Sie kombiniert hochmoderne Sensortechnik, V2X-Kommunikation und KI-gestützte Steuerungssysteme, um die Sicherheit, Effizienz und Akzeptanz autonomer Busse zu untersuchen. Die Strecke dient als Reallabor für die Entwicklung technischer Standards, regulatorischer Rahmenbedingungen und stadtplanerischer Konzepte, die den öffentlichen Verkehr der Zukunft prägen sollen.

Trotz Herausforderungen wie technischer Zuverlässigkeit, rechtlicher Unsicherheiten und hoher Infrastrukturkosten bietet die Teststrecke wertvolle Erkenntnisse für die schrittweise Einführung autonomer Fahrzeuge in den regulären Linienbetrieb. Langfristig könnte sie dazu beitragen, den ÖPNV attraktiver, umweltfreundlicher und sicherer zu gestalten – nicht nur in Berlin, sondern als Modell für Städte weltweit.

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